Wenn Jugendliche sich selbst verletzen: Was ich in meiner Arbeit immer häufiger beobachte – und was ich den Eltern empfehle
- Manuela Graf

- 19. Apr.
- 7 Min. Lesezeit

In meiner Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Eltern beobachte ich seit einiger Zeit etwas, das mich sehr beschäftigt: Es scheint mir, dass sich immer mehr Mädchen ritzen oder sich auf andere Weise selbst verletzen. Für viele Eltern und auch für uns Erwachsene ist das schwer zu verstehen, schwer auszuhalten und oft sehr beängstigend.
Dazu kommt, dass dieses Thema heute auch in den sozialen Medien sichtbar ist. Dort werden entsprechende Inhalte teils offen geteilt – manchmal mit der Botschaft: Du bist nicht alleine. Für betroffene Jugendliche kann genau das im ersten Moment entlastend wirken. Das Gefühl, gesehen zu werden und mit der eigenen Not nicht allein zu sein, kann etwas in ihnen beruhigen. Gleichzeitig stelle ich mir aber immer wieder die wichtige Frage: Ist das wirklich hilfreich – oder verleitet es noch mehr dazu?
Aus meiner Sicht braucht es hier einen sehr genauen Blick. Denn Social Media kann einerseits Verbundenheit schaffen, andererseits aber auch dazu beitragen, dass selbstverletzendes Verhalten normaler erscheint, nachgeahmt wird oder Jugendliche zusätzlich getriggert werden. Gerade junge Menschen, die innerlich ohnehin belastet sind, sind für solche Inhalte oft besonders empfänglich.
Wenn Mütter oder Väter plötzlich Schnittverletzungen am Arm oder an den Beinen ihrer Tochter entdecken, bricht oft eine Welt zusammen. Da sind Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit, manchmal auch Wut oder Schuldgefühle. Ich erlebe immer wieder, wie sehr dieses Thema Familien belastet. Und genau deshalb ist es mir wichtig, darüber offen, ehrlich und ohne Verurteilung zu sprechen.
Was hinter dem Ritzen stecken kann
Aus meiner Erfahrung ritzen sich Jugendliche in den meisten Fällen nicht, weil sie Aufmerksamkeit wollen oder ihre Eltern absichtlich verletzen möchten. Viel häufiger steckt innerer Druck dahinter. Gefühle, die zu gross geworden sind. Gedanken, die keinen Ausweg mehr zeigen. Spannungen, die nicht mehr ausgehalten werden können.
Viele Jugendliche wissen selbst nicht genau, wie sie erklären sollen, was in ihnen vorgeht. Sie fühlen sich leer, überfordert, traurig, wütend, allein oder innerlich wie abgeschnitten. Das Ritzen ist dann oft ein Versuch, mit diesem inneren Zustand irgendwie umzugehen. Für einen kurzen Moment verschafft es Erleichterung. Danach wieder Schuldgefühle. Ein hin und her aus Opfer und Tätergefühlen, dass nicht gesund ist und die eigentliche Not bleibt bestehen. Ich sehe das Ritzen deshalb nicht einfach als Problemverhalten. Ich sehe es als Signal. Als Ausdruck einer inneren Not mit teilweise unbewussten Blockaden, die ernst genommen werden müssen.
Warum gerade Jugendliche Hilfe von Eltern oft nicht annehmen
Was Eltern besonders schmerzt: Sie wollen helfen, aber ihr Kind blockt ab. Es will nicht reden. Es reagiert genervt, verschlossen oder ablehnend. Ich sage Eltern in solchen Situationen oft: Bitte nehmt das nicht persönlich.
Jugendliche befinden sich in einer Lebensphase, in der Abgrenzung ein natürlicher Teil ihrer Entwicklung ist. Sie wollen sich lösen, ihren eigenen Raum finden und nicht immer alles mit den Eltern teilen. Gerade in Krisen führt das oft dazu, dass gut gemeinte Hilfe von Mutter oder Vater nicht angenommen oder nicht ernst genommen wird.
Oft steckt dahinter nicht Ablehnung gegen die Eltern, sondern etwas ganz anderes: Viele Jugendliche wollen keine Belastung sein. Sie spüren, dass in ihnen etwas schwierig ist, und versuchen, es irgendwie zu verstecken, zu kontrollieren oder nach aussen hin so zu verpacken, dass niemand merkt, wie schlecht es ihnen wirklich geht. Genau deshalb behalten viele Kinder und Jugendliche ihre Not lange für sich. Das heisst aber nicht, dass Eltern unwichtig sind. Im Gegenteil. Eltern sind unglaublich wichtig. Aber manchmal braucht es zusätzlich eine aussenstehende Person, die anders gehört wird. Jemanden, der nicht mitten im Familiengefüge steht. Jemanden, bei dem Jugendliche sich eher öffnen können, weil keine täglichen Spannungen, Erwartungen oder Verletzungen mit im Raum sind.
Welche Gefühle Jugendliche oft mit sich tragen
Eltern sehen die Verletzung. Ich versuche in meiner Arbeit, gemeinsam mit dem Jugendlichen auf das zu schauen, was darunter liegt.
Oft begegne ich bei Jugendlichen Gefühlen wie innerem Druck, Überforderung, Leere, Einsamkeit, Traurigkeit, Wut, Scham, Ohnmacht oder dem Gefühl, nicht verstanden zu werden. Viele dieser Jugendlichen haben nicht gelernt, wie sie mit diesen Gefühlen gesund umgehen können. Manche schlucken alles hinunter. Manche funktionieren nur noch. Manche verlieren den Zugang zu sich selbst. Und manche beginnen, sich zu ritzen, weil es für sie in diesem Moment der einzige Weg ist, überhaupt etwas in sich zu regulieren.

Was Eltern dabei fühlen – und was sie wissen dürfen
Ein Punkt, der mir besonders wichtig ist: Auch Eltern leiden in dieser Situation sehr. Viele fühlen sich sofort als schlechte Eltern. Sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Sie gehen vergangene Situationen im Kopf immer wieder durch und suchen die Schuld bei sich.
Genau hier möchte ich Eltern entlasten: Dass sich ein Jugendlicher ritzt, bedeutet nicht automatisch, dass die Eltern versagt haben oder etwas falsch gemacht haben. Eltern dürfen nicht vorschnell an sich zweifeln und sich nicht in Schuldgefühlen verlieren. Aus meiner Erfahrung ist es oft so, dass Jugendliche in diesem Alter vieles mit sich selbst ausmachen wollen. Sie möchten nicht zur Last fallen, niemanden zusätzlich belasten und ihre innere Not irgendwie allein tragen. Nach aussen versuchen sie oft, vieles gut zu verpacken, obwohl es in ihnen ganz anders aussieht. Darum ist es so wichtig, dass Eltern nicht alles auf sich beziehen. Schuldgefühle helfen weder den Eltern noch dem Kind. Was es jetzt braucht, ist nicht Selbstverurteilung, sondern Halt, Klarheit, Ruhe und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Eltern dürfen sich sagen: Ich hatte immer die besten Absichten für mein Kind. Auch diese Herausforderung werden wir Eltern packen. Und genau das ist ein entscheidender Unterschied.
Was ich in meiner Arbeit erlebt habe
Ich habe in meiner Arbeit bereits Mädchen begleiten dürfen, die sich selbst verletzt haben. Dabei habe ich erlebt, wie wertvoll ein ruhiger, vertrauensvoller und ganzheitlicher Zugang sein kann. Besonders hilfreich waren für mich dabei eingehende Gespräche mit punktuellen Fragestellungen von Aussen und die Arbeit mit dem Unterbewusstsein. Denn vieles, was Jugendliche belastet, liegt nicht immer sofort sichtbar an der Oberfläche. Hinter dem Verhalten liegen oft tiefere Themen: Unverarbeitete Verletzungen, innere Überzeugungen, Druck, Scham, Angst oder das Gefühl, nicht zu genügen. Wenn Jugendliche einen anonymen Zugang von Aussen erhalten, dem sie vertrauen und bei dem sie sich abgeholt fühlen, merken sie, dass jemand hinschaut und vermittelt, ohne sie zu verurteilen und ohne Partei zu ergreifen, dann entsteht oft zum ersten Mal ein Raum, in dem Veränderung möglich wird.
Muss es immer eine psychologische Therapie sein?
Die meisten Kinderpsychologen sind für längere Zeit ausgebucht. Was macht man da? Mir ist wichtig, hier differenziert zu sprechen. Es gibt Situationen, in denen eine psychologische oder psychiatrische Abklärung sehr wichtig und notwendig ist – besonders dann, wenn die Selbstverletzung häufig auftritt, sehr stark ist oder wenn zusätzlich eine akute Gefährdung im Raum steht. Gleichzeitig zeigt mir meine Erfahrung, dass nicht jede Situation ausschliesslich durch eine klassische psychologische Therapie allein gelöst werden muss. Je nach Fall, Intensität und Hintergrund können auch ganzheitliche Ansätze sehr wertvoll sein.
Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass ein ganzheitlicher Blick oft schneller Zugang schafft, weil nicht nur das Symptom angeschaut wird, sondern der ganze Mensch. Nicht nur das Verhalten. Sondern auch die Gefühle, das Familiensystem, die innere Not, das Selbstbild und das, was im Unterbewusstsein mitwirkt. Aus meiner Erfahrung kann genau das nachhaltige Veränderungen ermöglichen. Vor allem wenn man kein sofortiger Platz erhält, kann mein Coaching bereits tiefgehende und wertvolle Vorarbeit neben der Psychotherapie leisten.
Wie Eltern sich verhalten dürfen
Wenn Eltern davon erfahren, ist der erste natürliche Impuls oft verständlich: Stoppen, kontrollieren, schimpfen, verzweifeln. Doch aus meiner Sicht braucht es etwas anderes. Eltern brauchen zuerst Ruhe. Nicht, weil das Thema harmlos wäre, sondern weil Ruhe Sicherheit gibt. Was Jugendlichen in solchen Momenten helfen kann, ist:
Nicht verurteilt zu werden. Nicht beschämt zu werden. Nicht gedrängt zu werden. Sondern ernst genommen zu werden.
Ich empfehle Eltern, das Gespräch ruhig und klar zu suchen. Nicht mit Vorwürfen. Nicht mit Panik. Sondern mit ehrlichem Interesse auf Augenhöhe.
Zum Beispiel mit Sätzen wie:
„Ich sehe, dass es dir nicht gut geht. Was brauchst du gerade wirklich.“
„Du musst da nicht allein durch. Wir finden gemeinsam eine Lösung.“
„Ich bin da und ich möchte verstehen, was in dir los ist. Magst du es mir erzählen?“
„Wir suchen gemeinsam Hilfe. Solche Lebensphasen kann es geben und du bist nicht alleine.“
Was aus meiner Sicht nicht hilft, sind Sätze wie: „Warum machst du sowas?“ „Hör einfach auf damit.“ „Du hast doch keinen Grund dazu. “„Wie kannst du uns das antun?“
Solche Reaktionen verstärken oft nur Scham und Rückzug.

Eltern dürfen sich ebenfalls Hilfe holen
Was ich Eltern immer wieder sage: Ihr müsst das nicht alleine tragen. Viele Eltern stehen unter enormem Druck, wenn sie merken, dass ihr Kind sich selbst verletzt. Sie schlafen schlecht, kontrollieren ständig, haben Angst vor dem nächsten Moment und verlieren dabei oft selbst den Boden unter den Füssen. Auch Eltern brauchen in solchen Situationen Begleitung, Orientierung und Entlastung. Denn nur wenn Erwachsene stabil bleiben, können sie ihren Kindern wirklich Halt geben.
Mein Blick auf das Thema
Jugendliche brauchen in solchen Situationen oft eine Person von aussen, die einen echten Zugang zu ihnen findet. Jemanden, der ihnen auf Augenhöhe begegnet, ohne Druck, ohne vorschnelle Bewertung und ohne dass sie das Gefühl haben, sofort in ein System gepresst zu werden. Gerade dann, wenn Kinder und Jugendliche innerlich bereits unter grossem Druck stehen, ist Vertrauen der erste und wichtigste Schritt. Dieses Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle, nicht durch starre Vorgaben und nicht allein durch das Benennen eines Problems. Es entsteht dann, wenn ein junger Mensch spürt: Da ist jemand, der mich wirklich sieht, mich ernst nimmt und mich nicht verurteilt. Genau dort setze ich in meiner Arbeit an. Ich baue eine vertrauensvolle Beziehung auf, finde einen Zugang auf Augenhöhe und schaffe einen Raum, in dem Jugendliche sich öffnen dürfen, ohne sich gedrängt zu fühlen. Denn oft beginnt Veränderung genau dort, wo ein Kind oder ein Jugendlicher sich zum ersten Mal wirklich abgeholt fühlt..
Mein Angebot an Eltern
Wenn du als Mutter oder Vater spürst, dass dein Kind leidet, sich zurückzieht oder sich selbst verletzt, dann warte nicht zu lange. Früh hinzuschauen ist keine Überreaktion. Es ist Fürsorge. In meiner Begleitung erlebe ich immer wieder, dass Jugendliche sich einer neutralen, vertrauensvollen Person oft anders öffnen als den eigenen Eltern. Nicht weil die Eltern versagt haben. Sondern weil es manchmal genau diesen geschützten Raum ausserhalb der Familie braucht. Ich arbeite mit eingehenden Gesprächen, mit einem feinen Blick für das, was unter der Oberfläche wirkt, und mit ganzheitlichen Ansätzen, die den Jugendlichen als ganzen Menschen sehen. Mein Ziel ist es, nicht nur das sichtbare Verhalten zu stoppen, sondern die innere Ursache zu benennen und neue Wege möglich zu machen.
Wenn du dir Sorgen um dein Kind machst und dir sofortige Hilfe und eine eingehende Begleitung wünschst, melde dich gerne bei mir. Gemeinsam schauen wir hin, ordnen die Situation ein und finden einen Weg, der deinem Kind und dir wirklich hilft.

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